Predigt am 17. Februar 2019 (in Lautlingen um 9 Uhr) über Prediger 7, 15-18 (NP – Septuagesimä)

Predigttext: Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens:
Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein
Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht
allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und
sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.  - Es ist gut, wenn du dich
an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott
fürchtet, der entgeht dem allen.

Predigt:    „Nur nicht übertreiben!“ Das scheint doch die Botschaft heute zu
sein: „Nur nicht über-treiben!“ Als erstes hören wir: „Sei nicht zu gerecht!“
Aber kann man denn sein: zu gerecht? Wir alle haben doch dieses Ziel:
Wir wollen es gerecht haben – und wir wollen selber gerecht sein. Und
wenn wir von Ungerechtigkeit hören, dann tun wir uns empören!
Aber was passiert, wenn wir versuchen ganz gerecht zu sein. Haben Sie
das schon einmal versucht? Ich erinnere mich. Es zu meiner Grundschulzeit.
Jeden Sonntag gab es eine Tafel Schokolade für uns vier Kinder. Damals
hatten die Schokoladen noch alle diese sechs Rippen mit jeweils vier Stückchen.
Also hat jedes Kind genau 1 ½ Rippen oder eben sechs Schokoladen-
Stückchen bekommen. Manchmal waren die gleich weg. Manchmal hat man
sie kostbar aufbewahrt, damit man länger etwas davon hat. Manchmal hat
man damit auch mit den Geschwistern getauscht - für ein Mal Gang Saugen –
 oder irgendwas... Jedenfalls gilt: Bei einer Tafel Schokolade ist Gerechtigkeit
ganz leicht.
Aber wenn man ein wenig darüber nachdenkt... Wer sagt denn, dass die
Schokoladenstückchen für alle vier Geschwister auch gleich gut sind?
Vielleicht hat einer eine angeborene Diabetes-Schwäche! Dann Vorsicht.
Das müsste man schon berücksichtigen, - oder?
Und schon sind wir an dem Punkt, an dem wir merken: Die absolute Gleich-
behandlung ist nie die absolute Gerechtigkeit. Das kennen wir auch aus
unserem Sozialstaat. Die Schwachen werden in der Gesellschaft besonders
unterstützt. Nicht normal unterstützt, sondern besonders. Denken wir an die
Behinderten. Unser Staat unternimmt große Anstrengungen zur Integration.
Zu Recht. Und wir finden das auch gerecht, dass die eine besondere
Unterstützung bekommen. Weil die sonst, bei einer absoluten Gleich-
behandlung, im Alltag untergehen. Darum ist auch hier die absolute Gleich-
behandlung noch lange keine Gerechtigkeit – sondern wird ungerecht.
Zurück zu unserer Tafel Schokolade: Bevor man verteilt, müsste man fragen:
Wie viele Schokoladenstückchen sind für jeweilige Kind gesund? Gibt es
vielleicht irgendwelche Folgen und Nebenwirkungen? Aber spätestens an
dieser Stelle werden wir uns selber an den Kopf langen und fragen:
„Ja, geht´s noch? Bei sechs Stückchen Schokolade so ein Brimborium
veranstalten? Nur nicht übertreiben! Sei nur nicht allzu gerecht!“

Was ist mit dem Klugsein? Kann man es das auch übertreiben? Wenn ich
jetzt   so   frage, dann lautet die Antwort sicher: „Aber ja! Auch beim Klugsein
kann man übertreiben!“ (Aber bitte liebe Konfirman-dinnen und Konfirmanden
das jetzt nicht auf die Schule beziehen!) Für gewöhnlich denken wir aber
anders. „Lern was! Sei gescheit! Lass dich nicht für dumm verkaufen!“ Für
gewöhnlich sagen wir: Man kann nie klug genug sein! Und doch gibt es
Momente, in denen uns gesagt wird: „Das wollen Sie nicht wirklich wissen!“
Vielleicht ist in der Arztpraxis. Und dann wird es ernst. - Oder vielleicht auch
ganz banal bei einer Fernsehdokumentation über irgendwelche Skandale,
die vielleicht welche sind – oder auch nicht sind, sondern nur Quote machen
sollen. In beiden Fällen kommen wir dann vielleicht auf dieses „Nur nicht
übertreiben“ zurück, auf diesen Satz zurück: „Sei nicht zu klug. Es gibt Dinge,
die willst du nicht wirklich wissen.“
Und dann können wir ja auch nicht alle Dinge wissen. Das überfordert uns.
Denken Sie an die sorgenvollen Eltern, die alles richtig machen wollen.
Die schleppen kistenweise kluge Ratgeber ins Haus, um ja alles richtig zu
machen. Um an alles zu denken. Um nichts zu übersehen. - Und was
kommt heraus? Eine über und über gestresste Mutti - und wenn sich der
Vater anstecken lässt, macht der dann auch noch mit. Die Sorgen werden
gepflegt und gehegt... Das war früher anders. Oft das Gegenteil. Mir sagen
manchmal altgewordene Mütter: „Oh, wie sorglos war ich damals... und
unbekümmert“ und ich denke, es war gut. Das hat dem Kind - und der Mutter -
und allen ... gut getan. Nicht allzu klug sein und entspannt an die Sache
herangehen. Das ist besser.

Aber was ist mit dem, was jetzt kommt? „Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor!“
Dieses „nicht-allzu-gottlos“ lässt aufhorchen. Das ist schon eigenwillig. Hören
wir noch einmal genau hin: „Sei nicht zu gottlos!“ Merken Sie es? Wenn wir
nicht zu gottlos sein sollen, heißt das doch: Ein bißchen ist also erlaubt?!
Ein bißchen Gottlosigkeit ist also ok? Und das steht in der Bibel? Schaurig!
Da wird jedes loyales Gotteskind erschreckt die Augen weiten und erst Mal
kräftig Schlucken müssen!
Aber heben wir uns diese Frage für später auf.

Die vierte und letzte Warnung geht klar: „Sei kein Dummkopf!“ Das brauchen
wir nicht lang erklären. Die Begründung ist ganz nett: „Sei kein Dummkopf,
damit du nicht stirbst vor deiner Zeit!“ Nun, das hatte schon unser Lateinlehrer
auch schon gesagt. Ich erinnere mich. Es war bei der Latein-LK-Studienreise
in der 12. Klasse. Es war ein kleiner LK mit sieben SchülerInnen. Wir saßen
in der Pizzeria oder „wo“ beim Essen - und irgendwie war das Gespräch
darauf gekommen, was für schreckliche Schicksale es gibt. Wenn jemand
einen bösen Unfall hat und irreversibel geschädigt wird. Oder eine böse
Krankheit - und bald sterben muss. Das allgemeine Gefühl war: „So etwas
darf doch eigentlich nicht sein! Und wo ist der Ausweg? Wie kann man an
so einem schrecklichen Schicksal vermeiden?“ „Gar nicht! Das ist Schicksal.
Da kann man nichts machen.“ So die feste Antwort unseres Lehrers.
Und bei uns: Große Augen. Ernste Gesichter. Betroffenheit.
„Ja, natürlich ist nicht alles Schicksal. Man darf sich ja auch nicht saudumm
anstellen und mit verbundenen Augen über eine vielbefahrene Straße gehen.
Das ist dann nicht Schicksal. Aber ein Unglück. Eine böse Krankheit. Etwas,
für das man nichts kann: Das ist Schicksal. Da kann man nichts machen.“
„Aber ist das nicht schrecklich? Glauben Sie nicht an Gott?“
„Das hat mit dem Glauben nichts zu tun. Wir leben hier in dieser Welt. Und
manche trifft es – und manche trifft es nicht.“ „Ja, aber das ist doch furchtbar.
Wie kann man dann glücklich sein? Wenn man nie weiß, ob etwas
Schlimmes kommt?“ „Ja, wir wissen nie, ob was Schlimmes kommt. Aber bitte
mach dir nicht Sorgen deswegen. Das ist idiotisch. Wenn es kommt, dann
kommt es. Und es macht keinen Unterschied, ob du dir Sorgen gemacht
hast. Aber wenn du dir Sorgen gemacht hast, hast du dir die Zeit, die du hattest,
nur vermiest! - Es ist schon richtig, sich ein wenig Sorgen zu machen. Dass
man eben aufpasst – und nicht mit verbundenen Augen über eine vielbefahrene
Straßen geht. Aber es ist idiotisch, sich mehr Sorgen zu machen als nötig.
Besonders wenn es etwas ist, bei dem du rein gar nichts ändern kannst“
Das war beeindruckend. Unser Lateinlehrer strahlte bei seinen Worten so eine
Sicherheit und Zuversichtlichkeit aus. Das war beeindruckend. Er hat Recht,
dachte ich. Und ich denke bis heute, dass es so falsch nicht ist, was er gesagt hatte.
Was mich damals freilich beschäftigte, dann als wir Abends auf unsere Zimmer
gegangen sind, war dann die Frage: „Dann glaubt unser Lateinlehrer also doch
nicht an Gott? Oder vielleicht doch?“ Nun, das war einer der Maßstäbe, mit denen
ich damals als Jugendlicher versuchte, die Welt auszumessen.

Unser Text wird nun genau an dieser Stelle interessant. Kommen wir auf dieses
„Sei nicht zu gottlos!“ zurück. Nicht zu gottlos heißt ja anscheinend: Ein wenig
gottlos ist erlaubt. Aber wie passt das zu dem Schlusswort: „Denn wer Gott fürchtet,
der entgeht dem allen.“ Ja, wie passt das zu diesem „Wer Gott fürchtet...“ zu diesem
Bisschen Gottlos? Kann man Gott fürchten - und zugleich ein wenig gottlos sein?
Oder geht das doch? Sonntags in die Kirche gehen und sich Montags im Betrieb
aufführen wie ein ungehobelter Flegel. Nun, es muss ja nicht ganz was schlimmes
sein. Aber wie oft begegnen wir diesem Zerrbild eines Christen, der fromm tut, und
es aber nicht ist!
Oder sollte uns das am Ende doch erlaubt sein? Gerade heute mit diesem kleinen,
unscheinbaren Sätzchen: „Sei nicht allzu gottlos?“ - Natürlich ist uns das nicht
erlaubt! Die Lösung dieser Frage ist so einfach wie banal: Es ist einfach so. Ja, es
gibt diese Christen, die so fromm tun und es aber nicht sind!
Und jetzt kommt eine große Enttäuschung: Wenn man es genau nimmt, dann
gehören wir alle dazu. Weil das Leben so ist. Wir alle haben Fehler. So banal das
klingt. Wir alle haben Fehler – und müssen irgendwie damit leben. Und darum
dieses: „Sei nicht allzu gottlos!“
Wir können es mit der Botschaft von heute sagen: „Wir alle haben Fehler. Aber
bitte nicht übertreiben!“ Wir alle haben Fehler! Und darum kommt jetzt der
springende Punkt.  Der auf den es ankommt. Ja, jetzt sind wir an der Stelle.
Da schreit alles schreit nach ... dem Wochenspruch dieser Woche. Erinnern
Sie sich? „Wir liegen vor dir im Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit,
sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ Darauf kommt es an.
Darauf kommt es an - auch bei dem Gerecht-Sein. Kommen wir noch einmal auf
die Tafel Schokolade zurück. Da wird die Mutter beherzt allen vier Kinder gleich
viel geben - und hoffen und vertrauen, dass sie es richtig machen. Sie ahnt
vielleicht auch gar nichts von möglichen negativen Spätfolgen. Und falls doch,
dann schaut sie vielleicht auf ihre vier Kinder und denkt: „Ich liege vor Gott im
Gebet und vertrauen nicht auf meine Gerechtigkeit, sondern auf Gottes große
Barmherzigkeit.“
Darauf kommt es an - bei unserem Klugsein. Es gibt wirklich Dinge, die wollen
wir nicht wirklich wissen. Denken wir noch einmal an den Arztbesuch. - Und
das nette ist: Der Arzt selber weiß es doch oft auch nicht bzw. er weiß nie,
wie sich alles entwickeln wird. Da hören wir dann immer diese bekannten
Worte: „Nach menschlichen Ermessen.“ - „Nach unseren Erfahrungswerten“.
Und am Ende falten wir vielleicht unsere Hände und sagen im Stillen:
„Ja, ich liege im Gebet und vertraue nicht auf meine menschliche Klugheit,
sondern auf Gottes große Barmherzigkeit!“ Oder bei den Eltern, die sich
Kistenweise Erziehungsratgeber ins Haus schleppen – und am Ende immer
mehr verunsichert dastehen. Vielleicht kommen die zu dem Punkt, an dem
es heißt: Man kann nicht alles ganz perfekt organisieren – und schon gar
nicht in der Erziehung. Denn die Kinder sind Menschen – mit eigenem
Willen und Wünschen... Und auch da kommt man dann vielleicht zu dem
Punkt, dass man die Hände faltet und sagt: „Lieber Gott, ich vertraue nicht
allein meiner eigenen Fähigkeit, sondern ich liege im Gebet vor dir –
für meine Kinder – und vertraue sie deiner großen Barmherzigkeit an.“
Darauf kommt es an - wenn wir im Leben am Ende nicht als die Dummen
dastehen wollen. Wir können die groben Dummheiten wohl schon vermeiden.
Aber die vielen Dinge, die dumm laufen, für die wir aber nichts können,
auch da - oder vielleicht da ganz besonders - falten wir wieder die Hände
und beten: „Ich liege im Gebet vor Gott und vertraue nicht auf meine Vorsorge,
sondern auf Gottes große Barmherzigkeit.“
Darauf kommt es schließlich auch an - in unserer bisschen Gottlosigkeit.
Weil wir alle Fehler haben. Das wissen wir nur zu gut. Dazu muss ich jetzt
nicht viele Worte verlieren. Auch da – wenn wir an alle unsere kleinen und
großen Fehler denken - beten wir dann allzu gerne: „Ja, auch ich liege vor
dir, mein Gott, im Gebet und vertraue nicht auf meine Gerechtigkeit, sondern
auf deine große Barmherzigkeit.“

Und was war nun mit meinem Lateinlehrer? Glaubt der jetzt an Gott oder
nicht? – Nun, das weiß er selber am besten. Außer vielleicht Gott.
Gott könnte es noch ein wenig besser wissen, wie er. - Aber ich denke für
diese Ruhe und Gelassenheit, die damals in diesem Gespräch aufleuchtete:
Da braucht man schon eine dicke Portion Gottvertrauen. Dass man sagen
kann: „Aber bitte mach dir nicht Sorgen deswegen. Das ist idiotisch. Wenn
es kommt, dann kommt es. Und es macht keinen Unterschied, ob du dir
Sorgen gemacht hast. Aber wenn du dir Sorgen gemacht hast, hast du dir
die Zeit, die du hattest, nur vermiest!“
Und wie macht man sich keine Sorgen? Wir kennen die Antwort.
Sie klingt wieder sehr fromm. Aber diese Antwort gehört genau hierher –
an diese Stelle: „All eure Sorge werft auf ihn. Denn er sorgt für euch!“
Oder eben mit den Worten von heute: „Wir liegen vor dir im Gebet und
vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große
Barmherzigkeit.“        -    Amen.