Predigttext vom 10. Februar 2019 über Mk 4, 35-41 (4. Sonntag vor der Passionszeit)

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: „Lasst uns hinüberfahren.“
Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es
waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein Windwirbel und die
Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war
hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und
sprachen: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Und er
stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: „Schweig und
verstumme!“ Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen
Glauben?“ Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: „Wer
ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“

Predigt: Liebe Gemeinde, heute wird uns diese Frage gestellt: „Habt Ihr noch keinen
Glauben?“ - Wenn ich an die Jünger im schwankenden Boot denke. Das Boot nimmt
mit jeder Welle, die über die Bordwand klatscht, mehr Wasser auf. Die Jünger sind
schon völlig durchnässt. Alles ist klamm und kalt. Die Füße stehen im Wasser. Und
da ist Angst. Die pure Angst. Und dann diese Frage: „Habt ihr noch keinen Glauben?“ Irgendwie werde ich da wütend und möchte zurückfragen: „Bist du jetzt total
verpeilt? Merkst du nicht, was mit uns los ist?“ Genauso geht es einem Menschen
in einer Anfechtung. Wenn er oder sie etwas absolut Schlimmes erlebt. Was mag
das sein? Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist der Tod des Ehepartners.
Oder vielleicht noch schlimmer: Der Tod des eigenen Kindes. Das ist so wider-
natürlich. Das trifft und verletzt ganz tief in der Seele. Das zieht es einem den
Boden unter den Füßen weg. Ja, genau das passiert in einer Anfechtung: Dass das,
was uns bis dahin selbstverständlich war in meinem Leben, plötzlich wegbricht –
oder wegrutscht - wegsackt. Wie auch immer. Und auch Gott. Auch Gott rutscht
mir weg. Aus den Händen. Dabei ist ER doch der Halt - in meinem Leben. Aber
jetzt ist er nicht mehr da. ODER: Jetzt ist er nicht mehr der Gott, der er bis jetzt
immer war! In der Bibel in den Psalmen finden wir Beispiele. Wir hören Menschen
schreien. Sie fühlen sich von Gott verlassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen?“ - „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ - „Vom Ende der
Erde rufe ich zu dir, denn mein Herz ist in Angst; höre Gott, mein Schreien!“ -
„Verbirg dich nicht vor meinem Flehen!“ - „Wie der Hirsch lechzt nach frischem
Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir, nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dein Angesicht schauen?“ - „Herr, lass mich nimmermehr
zuschanden werden!“ - „Wenn ich zu dir rufe, HERR, mein Fels, so schweige doch
nicht!“ - „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts
(rufe ich), doch finde ich keine Ruhe!“ - „Ich habe mich müde geschrien. Mein
Hals ist heiser.“ Und dann dieses Gegeneinander. Gott meint es gut mit uns.
Jedenfalls sagt er das ja immer wieder. Er erwartet Vertrauen. Aber in der
Anfechtung erleben wir nur ... Grauen. Wir sind sprachlos. Wir finden keine Worte,
um das Unglück zu sagen. Wir sind auch sprachlos - über diese Gefühlskälte.
Gott lässt mich hängen! Gott hat so gar kein Mitgefühl. Er ganz weit weg.
Und wenn er nah sein sollte, dann schaut er weg. Total unberührt davon, wie
dreckig es mir hier geht! So erleben die Jünger Jesus in dieser Nacht in diesem
Boot. Das Wasser schwappt bei jedem Wellengang noch vorne und wieder zurück.
Bei jedem neuen Wellenbrecher bockt das Boot wie ein Stier beim Rodeo-Reiten.
Die Jünger krallen sich fest an der Reling. Dem oberen Bootsrand. Wehe sie
lassen los! Dann gehen sie im Sog der Wellen über Bord. - Und Jesus? Jesus
schläft hinten im Boot auf einem Kissen! Das ist doch schier gar nicht auszuhalten!
Er ist scheinbar total unberührt, wie dreckig es den Jüngern geht!

Das was mich seit meiner Erstbegegnung mit dieser Geschichte immer wieder
faszinierte und interessierte: Wie nass war eigentlich dieses Kissen, auf dem
Jesus schlief? Das konnte doch nicht trocken bleiben. Oder? - Oder blieb es wie
durch ein Wunder unberührt von Wasser, Wind und Wellen? Zu dem, was dann
alles noch kommt, würde es passen. Aber es gibt auch eine Erklärung. Das
hintere Ende des Bootes ist der ruhigste Ort. Wenn das Schiff durch die Wellen
geht, wird der vordere Bug angehoben – und fällt wieder krachend in das Wellental.
Aber das Heck kommt sanft schaukelnd hinterher. Und so auch hier. Dort hinten
auf dem Kissen war Jesus tatsächlich dem Wasser, Wind und Wellen nicht so hart ausgesetzt wie die Jünger. - Das also erklärt die größere Furcht der Jünger
einerseits und das sorglose Schlafen Jesu andererseits - ein wenig.

Aber dann das Stehen im Boot. Jetzt wird es überirdisch. Jesus steht auf den
schwankend-bockenden Bootsplanken. Das hin- und her schwappende Wasser
zerrt an seinen Füßen. Die Planken des Bodens sind mit Nässe überzogen und
glitschig. Aber Jesus steht. Aufrecht. Er hat Haltung. - Und die Jünger? Sie krallen
sich mit angstverzerrten Gesichtern an die Reling. Aber Jesus steht. Wir knicken
da ein sagen: „Das können wir nicht!“ Aufrecht steht Jesus nun inmitten des
Sturmes und befiehlt. - Ja, Jesus befiehlt dem Sturm zu schweigen - und der
Sturm gehorcht! Wow. Jesus ist Sieger. ER ist der Held, der den bösen Feind in
die Schranken weist. Er ist der schützende Retter, der erfolgreich für die in Not
Kämpft hat. Das ist der Stoff, aus dem die Kinofilme gemacht werden. Jesus,
der Superstar. So wünschen wir es uns.

Aber dann diese Frage. Er berührt – nein: er klopft – nein: Er schlägt auf den
wunden Punkt. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ -
Nun, ich gehe davon aus, dass sie die angstverzerrten Gesichter der Jünger sich entspannten. Wohl schon in dem Moment, in dem Jesus aufsteht – und so ganz
ruhig und unberührt mitten in Sturm, Wind und Wellen steht. Jesus selber deutet
es mit seiner Frage an. Mit diesem „noch“. In diesem kleinen Wort „noch“ stecken
die vielen großen und großartigen Erlebnisse der Jünger mit Jesus. „Habt ihr noch
keinen Glauben?“ fragt Jesus – und der Logik nach müsste jetzt kommen: „Nach
alle den Taten, die ich bei Euch vollbracht habe? Nach allem, was ich Euch gesagt
habe? Und immer noch habt ihr keinen Glauben?“ Die Jünger waren doch dabei,
als Jesus den Aussätzigen berührten. Wie stockte ihnen der Atem! Einen
Aussätzigen berühren. Das durfte nicht sein. Da steckt man sich an. Aber Jesus
berührte ihn und der Aussätzige wurde heil. Die Jünger waren doch mit dabei,
als Jesus zu dem Gelähmten sagte: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach
Hause!“ Und der Gelähmte stand auf, nahm sein Bett und ging nach Hause.
Die Jünger waren doch dabei, als Jesus dem Besessenen von Gerasa gegenüber-
stand. Alle rannten weg. Der Besessene war wild. Er lebte in den Höhlen und
Gräbern. Einst war er mit Eisenketten gebunden worden, die er aber alle zerriss.
Niemand konnte helfen. Aber Jesus blieb vor ihm stehen, sprach mit ihm und
heilte ihn. Die Jünger waren doch dabei, als Jesus zur kleinen Tochter des Jairus
ging. Alle sagten, sie sei schon tot. Als Jesus sagte, sie schlafe nur, lachten sie
ihn aus. Aber Jesus weckte sie auf aus diesem Schlaf – und das Mädchen war
geheilt. Die Jünger waren auch mit dabei und haben gehört, was Jesus alles sagte -
von der Liebe des Vaters - von der neuen Gerechtigkeit - von Gottes neuer Welt
und von der guten Zeit, dem anbrechenden Schalom. Das alles haben die Jünger
miterlebt. Sie waren dabei. Sie haben mit eigenen Augen gesehen – und mit
eigenen Ohren mitgehört – und konnten mit eigenen Fingern die heilgewordene
Haut des Aussätzigen berühren. Sie konnten sich jedes Mal selber davon über-
zeugen.  Und - das - alles - reichte - nicht aus! „Was seid ihr so furchtsam.
Habt ihr noch keinen Glauben?“

Mit welchem Klang hatte Jesus die Worte gesprochen? War es ein einfühlsamer
Klang? „Was seid ihr so furchtsam? - Ihr müsst nicht furchtsam sein. Ich bin doch
da!“ - Oder klang es eher genervt: „Was seid ihr so furchtsam? - O, wie lange
muss ich es noch aushalten unter diesem ungläubigen Geschlecht? Wie lange
war ich jetzt schon bei Euch. Wie viele Wunder habe ich vor Euren Augen
vollbracht? Und ihr habt bis heute rein nichts kapiert!“ Auf die Reihenfolge kommt
es an. Die wird hier wichtig. Zuerst kümmert sich Jesus um das, was den Jüngern
Angst macht. So wie eine Mutter vielleicht das krabbelnde Viech entfernt, vor dem
das kleine Kind im Schreikrampf erstarrt. Und danach wendet sich die Mutter,
nachdem sie das Schreckliche weggeräumt hat, liebevoll und tröstend dem Kind
zu. Erst die Not beseitigt. Dann getröstet. So geht Jesus hier vor. Richtig seel-
sorgerlich. Erst wendet sich Jesus dem tosenden Sturm zu und beruhigt das
Wasserchaos. Danach spricht er mit seinen Jüngern. Erst beruhigend und einfühl-
sam: „Was seid ihr so furchtsam?“ Dann hinweisend: „Habt ihr noch keinen
Glauben? Ich bin doch da!“

Aber wenn das nur so einfach wäre! Denn sobald wir in einen Lebenssturm hinein-
kommen – und die Wellen hochschlagen – und die Angst in uns hochkriecht, -
dann ist doch - wieder - alles - vergessen!

Und überhaupt: Kann man denn diesen wirklich wunderschönen und betörenden -
und heldenhaft-herrlichen Bericht - wirklich glauben? Wirklich glauben? Dass Jesus
einen wildtosenden Sturm kraft seines Befehlswortes beruhigen konnte?
Es gibt kein zweites, glaubhaftes Beispiel in der Weltgeschichte, das uns das leichter
macht. Bei den Heilungen Jesu haben wir es einfach. Diese Heilungen sind durchweg glaubwürdig. Niemals hat Jesus einen abgerissenen Kopf angeheilt, oder einen vom
Löwen verspeisten Arm nachwachsen lassen. Dann ist die Weltgeschichte voll von
Menschen, die in gleicher Weise Heilungswunder bewirkten. Also die Heilungen Jesu
sind glaubwürdig. Und sogar auch der Seewandel Jesu. Dass Jesus in der Nacht -
und es war wieder schwerer Seegang - zu den Jüngern - über das Wasser gelaufen
kam. Auch für den Seewandel haben wir ein zweites Beispiel aus der Weltgeschichte.
Von Orion von Apollodor wird auch berichtet, dass er über das Wasser gelaufen ist.
Das macht es uns leichter. Sobald wir ein zweites Beispiel aus der Weltgeschichte
haben, müssen wir sagen: „Also scheint es doch zu dieser Welt und in diese Welt zu gehören, dass ein Mensch unter bestimmten Umständen über das Wasser laufen
kann.“ Auch wenn wir selber es nicht können – und es uns so ergeht wie dem
Petrus, der bei seinem Gehversuch fast abgesoffen wäre.

Aber dass ein Mensch einem tobenden Wasserchaos befiehlt und es sich beruhigt
– und still wird – und die Sonne wieder scheint. Das wird nirgends berichtet.
Und doch gibt etwas aus der Menschheitsgeschichte, das an dieser Stelle interessant
wird. Das war bei den persisch-griechischen Kriegen. Das war zu der Zeit Athens.
Als Athen noch eine große Mittelmeermacht war. Damals wollte der persische König
sein großes Reich auf Europa ausdehnen. Mit großem Heer war er an den Bosporus
in der heutigen Türkei angekommen und wollte mit Booten nach Europa übersetzen.
Aber tagelang tobte ein Unwetter. Es ging nicht. Das ärgerte den persischen König
so, dass er mit langen Eisenketten das tosende Meer auspeitschen ließ.
Bitte was? Das Meer mit langen Eisenketten auspeitschen? Wie absurd! Da müssen
wir fast schon losprusten. Das weiß doch jedes Kind, wie verrückt das ist... Aber nicht
so schnell urteilen: So war das Denken damals. Die Macht über das Meer hatte –
so dachte man - der Meeresgott Neptun. Und den wollte der persische König
bestrafen und zwingen. Wir heute lachen. Aber das, was an dieser netten Begeben-
heit interessant ist, ist: Hier wollte ein Mensch, der persische König, dem Meeresgott
Neptun befehlen. Ihm seinen königlichen Willen aufzwingen. Und in unserer
Geschichte heute ... hat Jesus das gemacht! Am Ende der Story – fast wie die Moral
der Geschichte – fragen die Jünger: „Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm
gehorsam!“ – Und jetzt sind sie plötzlich wieder ängstlich, aber anders, nachdem
der Sturm auf den Befehl Jesu hin vorbei war.

Hier wird die Machtfrage gestellt. Merken Sie das? Wir heute können das damalig
Erleben der Jünger nur noch versuchsweise erahnen. Die Welt war voller Götter und Dämonen und Mächte. Und Jesus ist der Sieger. Wow. - Und zugleich lächeln wir
heute darüber. In unserer Welt gibt es keine Götter und Dämonen und Mächte mehr
nicht? Wir erklären alles mit den naturwissenschaftlichen Realitäten.

Auch wenn wir moderne Menschen heute über die Frage lächeln, wer denn mehr
Macht hat: Jesus oder der Meeresgott Neptun? – so holt uns diese Frage wieder ein -
im modernen Gewand. Vorhin haben wir es ja festgestellt. Wir können das nur
ganz schwer glauben, dass Jesus diesen Sturm stillte. Es passt nicht in unser Welt-
bild. Und schon meldet die Machtfrage in neuem Gewand: „Wer hat mehr Macht
über dein Leben: Ist es dein Vertrauen zu Gott? Oder ist es dein Glaube an das naturwissenschaftliche Weltbild, das sagt: „Einen Sturm befehlen – das geht doch
nicht!“ Genau an dieser Stelle richtet Jesus die Worte an uns - so wie wir heute und
hier - sitzen und stehen: „Was bist du so furchtsam? Hast du noch keinen Glauben?“
Noch keinen Glauben, obwohl Gott doch schon so eine weite Wegstrecke mit dir in
deinem Leben zurückgelegt hat - und dich begleitet hat - und du von ihm beschenkt
worden bist - und du so oft Gott in deinem Leben entdecken konntest - in den
Momenten der Bewahrung - in den glückhaften Fügungen. Hast du noch keinen
Glauben? Bist du immer noch so furchtsam wie die Jünger damals auf dem See
Genezareth? Wem glaubst du mehr? Den sogenannten Realitäten dieser Welt –
oder dem Gott, der darüber steht. Über allem. Willst du überhaupt hören, was
du heute hörst? Wer Ohren hat zu hören, der höre. So sagt es Jesus immer wieder.

Diese Glaubensfrage wird noch ein weiteres Mal zur Machtfrage. Und wieder anders
gewendet. Inmitten des tosenden Unwetters lautet sie dann so: „Willst du den
Wellten und dem Sturm Macht geben über deine Seele? Lässt du das zu, dass du
mit angstverzerrtem Gesicht dich an der schwankenden Bordwand deines Lebens-
schifflein festkrallst - und nur noch schreien kannst: „Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?“ - „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ - „Vom Ende
der Erde rufe ich zu dir, denn mein Herz ist in Angst; höre Gott, mein Schreien!“ -
„Ich habe mich müde geschrien. Mein Hals ist heiser.“ Du musst das nicht zulassen.
Die wundersame Hilfe kommt. Gerade die Menschen, die ihre Not Gott zugeschrien
haben, haben es erlebt. Ja, wenn ein Mensch noch so schreien kann nach Gott:
Dann ist das ein Wunder. Dann ist das die Wende. Genau diese Menschen, die so
nach Gott geschrien haben, hatten es erlebt: „Du hast mich erhört!“ Mit diesen
Worten wendet sich der Hilfeschrei und wird zum Lobgesang über Gottes Hilfe.
Das Vertrauen zu Gott kehrt zurück: „Denn du bist meine Zuversicht!“ So heißt es
in einem anderen Psalm, nachdem der Beter sich müde geschrien hatte und der
Lobgesang endlich einsetzte: „Ich will den Herrn loben mit einem Lied und will ihn
hoch ehren mit Dank.“ Amen.