Predigt am 21. April über Johannes 20, 1 - 18 (Ostersonntag - NP)

Predigttext:     Predigttext am Ostersonntag aus Joh 20, 11-18:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab, und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: „Frau, was weinst du?“ Sie spricht zu ihnen: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.“ Spricht Jesus zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: „Rabbuni!“, das heißt: „Meister!“ Spricht Jesus zu ihr: „Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: `Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.´“ Maria von Magdala geht und verkündet den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen, und da hat er zu mir gesagt.“

Predigt:           Liebe Gemeinde,        es ist schier unglaublich, was diese Maria Magdala da in diesen Tagen erleben muss. Wie diese arme Frau hin- und hergebeutelt wird. Saß sie noch am Freitag vor dem verschlossenen Grab – und wusste nicht, wie ihr geschieht. Da war alles noch so weit weg, wie durch eine Mattscheibe. So wie das eben bei einem trauernden Menschen ist – im ersten Moment, dass man die schreckliche Botschaft zwar hört und vielleicht den Gestorbenen auch sieht, und im Verstand wahrnimmt: „Ja, dieser liebe und mir vertraute Mensch ist gestorben“, aber im Herzen und in den Gefühlen hat man noch nicht begriffen. Alles ist so unwirklich. – Und jetzt, keine zwei Tage später, Maria hat sich gerade an die schreckliche Wahrheit des Todes von Jesus ein wenig gewöhnt und hat sich vorsichtig und schmerzvoll mit seinem Tod vertraut gemacht, - jetzt ist das Grab ist aufgebrochen, und der Leichnam ist weg.

Was muss Maria da aushalten! Schier unglaublich. Wo hat sie nur die Kraft her, dass sie jetzt nicht zusammenbricht?

Nun, wir wissen: Unsere Maria Magdala versteht die Situation falsch. Und sie muss diese Situation falsch verstehen. Sie denkt irdisch. Sie denkt so, wie es für diese Welt richtig ist, für diese endliche Welt, in der wir leben. In dieser Welt gilt nun einmal der Satz: „Tot ist tot.“ Zumindest eben bis zu diesem Augenblick. Etwas anderes konnte sie gar nicht glauben. Denn etwas anderes hat sie noch nicht erlebt.

Oder vielleicht doch? Wie war das denn mit Lazarus. War Lazarus nicht auch schon tot – und stank schon, weil er anfing zu verwesen. Eigentlich hatte Maria damals schon erlebt, dass dieser Satz „Tot ist tot“ bei Jesus nicht gilt. Und es ist doch ein Unterschied. Es ist etwas anderes, neben Jesus zu stehen – und zu erleben, wie der Herr den Lazarus vom Tode wiedererweckt, - oder eben den toten Herrn in Händen zu halten und später vor dem leeren Grab zu stehen. Da ist ja der Wundertäter selber tot. Wer will ihn dann erwecken?

Maria weint und glaubt, man habe das Grab Jesu geschändet. Den Leichnam gestohlen. Dieses Missverständnis macht alles noch einmal schlimmer. Der Schmerz der Trauer wird vervielfacht. Bis jetzt hatte sie nur den heftigen Schmerz des Abschiedes auszuhalten, der schier unerträglich ist. Jetzt kommt hinzu, dass das Grab geschändet ist. Der geliebte Tote nicht einmal seine Ruhe haben darf.

Für Maria ist das nur schrecklich. Denn das Grab war ja auch so etwas wie ein Halt in ihrer Trauer, wie ein Haltepunkt für ihre Trauer. Hier war der Ort für ihre Tränen. Und jetzt hat man ihr auch noch diesen Ort weggenommen.

Sie kehrt sofort um. Sie eilt zurück in die Stadt. Natürlich muss sie das so schnell wie möglich den Jüngern sagen, den Männern. Vielleicht können die noch etwas tun. Die Jünger kommen auch gleich und schauen nach. Sie untersuchen das Grab. Sehen die Leinentücher, hier und dort. Sie sehen alles und verstehen auch nicht richtig. So wird es jedenfalls erzählt: „Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste.“ Schließlich gehen sie wieder – und Maria bleibt weinend am Grab zurück.

Maria bleibt alleine zurück. Sie bleibt auf sich allein gestellt. Aber dann geschieht das Wunder. Sie nimmt allen Mut zusammen und traut sich in diese Grabeshöhle. Sie will sich dieser Situation stellen, dieser Situation, die ihr soviel weiteren Seelenschmerz bereitet. Aber das, was sie erlebt, ist nun ganz anders. Es ist so anders, dass sie auch jetzt die Situation nicht richtig versteht.

Sie sieht zwei Engel. Aber sie erkennt nicht, dass es Engel sind. Sie hört Worte. Und das sind Worte, die sie aus ihrem Weinen herausholen wollen: „Was weinst du?“ fragen die Engel. Aber sie bleibt gefangen bei ihrem Missverständnis: „Sie haben meinen Herrn gestohlen und ich weiß nicht wo sie ihn hingetan haben...“ Sie bleibt auch dann noch gefangen in ihrem Missverständnis, als Jesus selber herantritt und sie aus ihrem Weinen herausholen will und fragt „Was weinst du?“ Sie versteht nicht. Sie hält Jesus zunächst für den Gärtner, der den Leichnam ihre Herrn weggenommen haben soll.

Maria ist hier ein Beispiel für uns Menschen, wie es uns manchmal geht. Denn Maria ist gefangen in ihrem Weinen und nimmt die Situation nicht richtig wahr. Die Tränen sind wie ein Schleier – nicht nur für den Blick auf die äußere Welt, sondern ein Schleier für ihr Herz. Sie ist in ihrem Weinen gefangen und kann Jesus nicht sehen. Es gibt Menschen, denen geht es genauso. Menschen, die machen eine schlimme persönliche Lebenskrise durch und sind davon so gefangen, dass sie gar nicht mehr fähig sind, hinauszublicken und zu sehen, wo sie Hilfe bekommen können.

Mir fällt da ein Mann ein, der alles verloren hat. Seine Gesundheit hatte er verloren - und damit seinen Beruf. Dann betrog ihn seine eigene Frau. Die Ehe scheiterte. Schließlich verlor er auch noch sein Haus und mit dem Haus auch all sein Geld. Was also bleibt so einem Menschen? Jetzt kreist er um seine Krankheiten, die er pflegt. Und das ist alles. Er hat nichts mehr, außer seinen Krankheiten. Er hat nichts mehr, auch keine Hoffnungen.

Dass so ein Mensch alle Hoffnung verliert, kann man verstehen. Aber das muss nicht sein. Das klingt jetzt fast ein wenig zu fromm: Aber auch für diesen Mann gilt die gute Nachricht von Jesus. Jesus will auch diesem Mann helfen. Und Jesus kann helfen. Denn Gott ist ein Gott der Wunder tun kann und sie auch heute noch tut. Die Frage ist nur: Will dieser Mann sich denn auch helfen lassen? Oder bleibt er gefangen in seinem Weinen?

Manchmal machen es sich die Menschen recht gemütlich ihrem Unglück. Denken wir an jenen gelähmten Mann am Teich Bethesda. 38 Jahre liegt dieser Mann an diesem Teich und hofft auf Heilung. Aber welche Frage stellt der Herr ihm, als er zu ihm kommt? Wir kennen diese Frage und sind jedes Mal von neuem ein wenig geschockt. Jesus fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Wir wundern uns dann immer, wie man das nur fragen kann. Jetzt ist dieser Mann schon 38 Jahre lang gelähmt. Natürlich will der doch gesund werden. Oder nicht?

Nun, die Frage von Jesus macht Sinn. Manchmal tragen Menschen ihre Krankheit wie eine Monstranz vor sich her. Das hat Vorteile. Der erste ist: Man ist selber so hilflos. Die anderen müssen helfen. Und der zweite ist: Man hat eine so gute Entschuldigung. Man kann immer sagen: „Die Krankheit ist schuld. Eigentlich würde ich ja Freundschaften und Bekanntschaften pflegen. Aber die Krankheit. Sie verstehen schon... Eigentlich würde ich ja mich um dieses oder jenes kümmern. Und das ist mir auch wirklich echt wichtig. Wirklich. Aber diese Krankheit. Sie verstehen schon...“ Nun, es muss nicht eine Krankheit sein. Manchmal ist es auch eine irgendeine maßlose Ungerechtigkeit, die einen Menschen trifft, und über die dieser Mensch einfach nicht hinwegkommt.

Vielleicht sind meine Worte jetzt sehr hart. Es mag wirklich schwere Schicksalsschläge geben, die einen niederdrücken und gefangen nehmen. Sehr eindrücklich erlebte ich das bei meiner guten alten Tante Marie. Sie musste erleben, wie ihr einzige Kind, ihre 51-jährige Tochter im Urlaub bei einem Autounfall ums Leben kam. Und dabei hatte diese alte Frau schon im Krieg ihren Mann verloren – und war nur schwer hinweg gekommen. Als das mit ihrer Tochter passierte, war sie am Boden zerstört. Sie konnte zunächst gar nichts fühlen und war innerlich ganz tot. Es brauchte auch einige Jahre, bis sie die Trauer wieder so weit geheilt war, dass sie nach vorne schauen konnte und sich auch wieder freuen konnte.

Aber es war nicht einfach nur die Zeit, die ihr half. Es war auch ihr Glaube. Nein: Es war der Herr selbst, der ihr half. Sie hatte sich auch helfen lassen. Natürlich hatte sie lange gerungen, Abend für Abend. Natürlich hatte sie geklagt. Gerade so, wie es uns die Psalmen vormachen. Natürlich hatte auch sie sich mit Selbstvorwürfen innerlich zermartert. Sie fühlte sich bestraft. So wie sich alle Menschen bestraft fühlen, die einen schweren Schicksalsschlag abbekommen. - Aber sie hatte sich festgehalten und festgeklammert an Gott. Sie erlebte Bewahrung in dieser schweren Zeit. Sie erlebte das, was vor vierzehn Jahren die Jahreslosung von 2005 uns allen zugerufen hatte. Das ist jenes Gebetswort Jesu. Jesus sagt da: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glauben nicht aufhöre.“ Und es kam sogar soweit, dass sie sagen konnte: „Jetzt habe ich dem Täter verziehen.“ Eben jenem Raser, der den schrecklichen Unfall verursacht hatte.

Nun, wenn ich die verschiedenen Menschen besuche, erlebe ich das sooo unterschiedlich. Da lerne ich einen älteren Menschen kennen, der unsägliches Leid erlebt hat und ertragen musste. Dieser Mensch schaut mich mit klaren Augen an und spricht ohne Verbitterung in der Stimme. Da ist all das Schreckliche, das er erleben musste, so ganz weit weg. Es scheint abgeschlossen und vorbei -  und aufgehoben zu sein. Und so ist es auch: Es ist aufgehoben bei Gott. Dieser Mensch hat schon kennenlernen dürfen in seinem Leben, was Auferstehung bedeutet. Und dann lerne ich einen anderen Menschen kennen, der auch sehr Schweres erlebt hat. Zwar nicht genau das Gleiche, aber auch sehr schreckliche Dinge. Und dieser Mensch ist müde und hat müde Augen und eine müde Stimme – und ist noch gefangen von dem ganzen Unglück, dass ihn getroffen hat.

Woher kommt der Unterschied? Der eine Mensch findet in seinem Unglück bei Gott einen festen Halt – und kann sagen: „Da hat mir Gott jetzt wieder etwas schweres auferlegt. Aber das wird schon wieder. Das muss schon wieder werden. Wenn Gott mir das auferlegt, dann wird er mir auch helfen.“ Dieser Mensch sagt dann irgendwie „Ja“ zu dem Unglück das ihn trifft. Zugleich aber gibt er sein Unglück ab an Gott. – Der andere Mensch nimmt das Unglück auch an. Aber er behält es bei sich, fast wie einen Schatz, den er behütet und bewacht. Alle seine Gedanken kreisen dann nur noch um das Unglück, das ihn getroffen hat. Und er kann dann auch nicht mehr an etwas anderes denken, außer als eben an sein Unglück. Er ist gefangen in seinem Unglück.

Gibt es einen Ausweg? Der Bericht, den wir heute als Predigttext haben, weiß um einen Ausweg. Auch Maria ist zunächst gefangen in ihrem Weinen. Sie wiederholt immer nur ihren Schmerz. Egal, was die anderen zu ihr sagen. Sie sagt einfach immer nur: „Sie haben meinen Herrn gestohlen und ich weiß nicht wo sie ihn hingetan haben...“ Und doch kommt für sie der Moment, an dem sie sich von ihrem Schmerz löst. Wie kommt es dazu? Ganz einfach: Jesus spricht sie direkt und persönlich an: „Maria“, sagt er. Jesus sagt einfach nur ihren Namen. Aber der Name ist ja mehr als nur der Name. Der Name meint die Person. Maria ist persönlich angesprochen. Und das befreit sie.

Zwei Dinge sind hier zusammenkommen. Zum einen ist es Jesus, der sie persönlich anspricht. Es ist der Herr und Heiland. Da erwarten wir natürlich, dass ihr geholfen wird. Denn der Herr kann alles richten. Er kann auch einen Menschen aus dem Gefängnis seines Weinens herausholen. Zum anderen liegt natürlich auch ein besonderer Segen auf dem ganz persönlichen Zuspruch. Maria merkt: Sie ist nicht mehr allein – in ihrem Weinen. Sie wird angesprochen. Sie wird in ihrem Weinen wahrgenommen.

Das mag uns zu denken geben, wenn wir wieder einem Menschen begegnen, der so sehr in dem eigenen Weinen gefangen ist, so dass er Mensch aus seinem Weinen nicht mehr herauskommt. Vielleicht braucht dieser Mensch einfach nur persönlichen Zuspruch. Dieser Mensch braucht es, dass ein anderer Mensch ihn wahrnimmt und ernst nimmt – in seinem Weinen. Und darin liegt eine heilsame Kraft. Darauf liegt Segen.

Jesus spricht Maria an. Ganz direkt und persönlich: „Maria“, sagt er. Und Maria dreht sich um. Sie erkennt ihren Herrn. Ja, so wünsche ich es mir. So wünsche ich es mir für mich selber, wann immer ich in der Gefahr stehe, mich über irgend etwas Nerviges aufzuregen und davon gefangen nehmen zu lassen, - da wünsch ich mir diesen persönlichen Zuspruch von unserem Herrn und Heiland, - eben einen Zuspruch, der mich befreit. - Und das wünsche ich natürlich auch für uns alle. Das wünsche ich allen, die eine Not haben oder eine Mühsal tragen oder von Sorgen gequält werden, - dass auch sie diesen persönlichen Zuspruch unseres Herrn und Heiland bekommen.

Freilich, so einfach ist das für viele Menschen gar nicht. Nicht alle Menschen wollen auf Gott hören. Das beginnt schon damit, dass viele Menschen einfach nicht mehr mit Gott rechnen. Für diese Menschen ist Ostern nie wirklich geschehen. Für die hat Jesus Christus zwar schon gelebt und ist auch am Kreuz gestorben und auch irgendwie auferstanden. Aber für die sind das Dinge, die lange her sind, dass sie gar nicht damit rechnen, - dass Jesus noch heute lebt. Aber das ist ja die eigentlich Osterfreude für uns Menschen hier auf Erden. Viele Christen denken bei Ostern immer an jene Freude und Erleichterung, dass der Tod besiegt ist. Und das lässt uns dann beruhig weiterschlafen.

Aber Ostern ist mehr als nur das sanfte Ruhekissen, das uns die Angst vor dem Tod nimmt und uns ruhig einschlafen lässt. Dieser Schlafzimmer-Glaube ist viel zu mickrig und mager. Bei Gott ist die Fülle. Und wir haben diese Fülle. Und diese Fülle heißt: Jesus Christus ist auferstanden und lebt. Jesus Christus ist gegenwärtig und lebendig. Er ist da, ganz nahe, ganz und gar – und ohne Kompromisse. Gott ist da und spricht zu uns.

Das ist die größere Osterfreude: die Freude, die schon jetzt beginnt; die Freude, die wir jetzt schon haben, und nicht irgendwann dann, wenn es ans Sterben geht. Heute dürfen wir uns das ganz fest ins Gedächtnis rufen: Jesus Christus ist der lebendige Sohn Gottes. Er lebt und regiert, nicht nur in der Ewigkeit, sondern schon jetzt und hier. Er spricht zu uns. Lassen wir uns von ihm ansprechen – und herausholen aus unseren Gefängnissen. Hören wir doch darauf, wenn er zu uns spricht -  zum Beispiel mit diesem wunderbaren und kräftigen und uralten Segenswort. Horen wir darauf – und lassen diese Worte auf uns Wirken. Ganz lange: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“  -  Amen.