Der Besuchsdienst in unserer Kirchengemeinde

Wir haben in unserer Kirchengemeinde eine sehr segensreiche Einrichtung:
Den Besuchsdienst. Auch bei den Besuchen gilt: Der Pfarrer kann nicht alles
machen. Denn so schön und wertvoll mir die Besuche in meiner Gemeinde
auch sind. Es gibt Wochen, da danke ich Gott von Herzen für unseren
Besuchsdienst, wenn er mir den einen oder anderen Besuch abnehmen kann.
Das passiert freilich nicht planlos und zufällig. Wir haben in unserer Kirchen-
gemeinde folgende Besuchsregelung: Vom Pfarrer werden die 70-jährigen
zum Geburtstag besucht. Dann folgt eine Geburtstags-Besuchs-Pause bis
zum 74. Geburtstag. Danach gilt, dass der Besuchsdienst die 75-, 77-, 79-,
81- und 83-jährigen zum Geburtstag besucht und der Pfarrer im Wechsel
dazu die 76-, 78-, 80-, 82- und den 84-jährigen. Ab dem 84. Geburtstag
kommt der Pfarrer dann jedes Jahr. So ist jedenfalls die Theorie. In der
Praxis sieht das manchmal auch anders aus. Nicht immer halten wir diese
Besuchsregel durch: Bei manchen Mitarbeitern (die dann auch schon ins
Seniorenalter vorgerückt sind), kommt dann doch der Pfarrer. Und umgekehrt:
Wenn der Pfarrer im Urlaub oder auf Fortbildung ist, dann kommt der
Besuchsdienst, selbst wenn der Pfarrer nach unserer Besuchsregelung
„dran“ wäre.
Wir kommen freilich nur, wenn es gewünscht ist. Wenn es möglich ist,
rufen wir vorher an. Aber nicht immer haben wir die Telefon-Nummer zur
Hand. Dann kann es auch einmal sein, dass ein Besuch unverhofft kommt
(oder zumindest mit einem Läuten an der Haustüre ein Termin ausgemacht wird).
Es könnte freilich sein, dass sich der eine oder die andere wundert: „Also,
jetzt habe ich so hohe Worte über den Besuch gelesen, aber bei mir war
noch nie jemand! Weder der Pfarrer noch der Besuchsdienst!“ Nun, das
kann auch passieren. Dann wir an dieser Stelle um Entschuldigung.
So etwas kann trotz aller Planung und EDV-Unterstützung – und manchmal
auch wegen bloßer Terminfülle - tatsächlich immer wieder passieren, dass
ein Geburtstagskind vergessen wird. Da tut uns dann leid und ist zudem
peinlich. Denn jeder Besuch soll doch eigentlich genau diese Botschaft
haben: „Du bist nicht vergessen!“ Und wenn es dann vergessen wird…
Alles in allem möchte ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich Danke
sagen an die lieben Frauen und Männer, die bei unserem Besuchsdienst
mitmachen. Sie tragen einen Beitrag dazu bei, dass in unsere Kirchen-
gemeinde die Gemeinschaft und das Zusammengehören ein wenig
mehr gelebt und wahrgenommen wird. Vielen, vielen Dank!
Es grüßt herzlich, Ihr Pfarrer Thilo Hess

 

 

Wenn der Pfarrer zu Besuch kommt

enn der Pfarrer zum Geburtstag kommt... – Das wird erwartet. Das gehört dazu.
Wirklich? - Nicht immer ist der Besuch des Pfarrers zum Geburtstag selbstver-
ständlich. Da höre ich dann: „Aber das ist nicht nötig!“ oder etwas entschiedener:
„Das wünsche ich nicht!“ So wird es mir manchmal, eher selten, aber immer wieder,
bei meinem Anruf mitgeteilt. Ein wenig stutze ich dann. Aber so soll es dann sein.
Freilich finde ich das immer ein bißchen schade, weil der Geburtstag ja ein schöner
und entspannter Anlass für einen Besuch des Pfarrers ist.
Für mich war die Besuchstätigkeit des Pfarrers bei meinem beruflichen Einstieg
neu und ungewohnt. Meine Mutter sagte einmal: „Wenn heute unser Pfarrer vor der
Tür stehen würde, würde ich als erstes fragen: „Wer ist denn jetzt gestorben?´“
In meiner Vikarszeit wurden die Besuche des Pfarrers bzw. Vikars im kirchen-
verwurzelten Hohenlohe durchweg freudig begrüßt. Und umgekehrt auch: Ich
lernte das Besuchen der Gemeindeglieder kennen und schätzen. Neben dem
Besuch als einer schönen Zeit, wurden mir je die Begegnung mit den Menschen
immer wertvoller: Das Anteilnehmen am Leben, der Einblick in (für den Pfarrer oft)
ganz unbekannte Lebenswelten. Bei den Seniorenbesuchen kommt dann das
Eintauchen in die Vergangenheit hinzu. Denn das dürfen wir ja wahrnehmen:
Unsere Seniorinnen und Senioren sind lebende Brücken in die Zeit vor uns.
Das alles erlebe ich immer wieder als ungeheuer spannend.
Gerade im Vikariat bemerkte ich noch einen gewissen Nebeneffekt. Im Vikariat
wechseln sich die Wochen der Gemeindearbeit mit vielen Kurswochen ab.
D. h. es ergab sich immer wieder, dass eine Predigt in einer Kurzwoche, also
in einer besuche„freien“ Zeit zu schreiben war. Da hatte ich aber immer das
Gefühl, dass ich irgendwie weiter „weg“ war von den Leuten – als in den
Wochen der Gemeindearbeit mit den verschiedenen Besuchen. So war
mein Empfinden.
Nach dem Vikariat kam die volle Arbeit in der Gemeinde. Die Besuche wurden
zahlreicher und „flächendeckender“. So erlebte ich im Pfarrvikariat zum ersten
Mal, wie sich durch die Besuche der ganze Ort erschloss. Viele Lebensläufe
ähnelten sich in manchen Punkten. Vor allem, wie sich die berufliche Tätigkeit
der verschiedenen Generationen dem Wandel der Wirtschaft anpasste.
Zugleich erlebte ich im Pfarrvikariat zum ersten Mal das Phänomen der
„besuchsweisen Beziehung“. Es ergab sich z. B., dass ich ein Seniorenehepaar,
das ich sonst als Pfarrvikar nie zu Gesicht bekam, über die viereinhalb Jahre
dann doch insgesamt neun Mal besuchte (jeweils zum Geburtstag) und merkte,
wie sich da eine gewisse Vertrautheit und Freude auf das Wiedersehen einstellt.
Man wurde miteinander vertraut, eben in diesem Rahmen des Geburtstagsbesuchs.
In meiner letzten Gemeinde traf ich die ausführlichste Besuchsarbeit an, wie sie
wohl einmalig war: Da wurden nicht nur die Senioren, sondern auch die 40-, 50-,
60- und 65-jährigen, sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besucht.
Freilich: Die Pfarrer waren zu zweit. Es gab einen hauptamtlichen Kirchenpfleger
und ein 100%-Pfarrsekretariat. Ein Jugendreferent deckte die Jugendarbeit ab.
Das gab es einen großen Freiraum für eine so ausufernde Besuchsarbeit.
Zuerst war ich über dieses Ausmaß regelrecht erschrocken. Aber da ich mir
nicht nachsagen lassen will, dass ich faul wäre, ging ich voll ´ran… - und wurde
belohnt: „Ja,“ so stellte ich wieder fest: „die Besuchsarbeit ist wirklich schön.“
Wieder erschloss sich das Dorf. Wieder stellten sich diese „besuchsweise
Beziehungen“ ein, die im Dorf noch mehr miteinander verwoben sind als in
einer Arbeitersiedlung.
Freilich fragte ich mich: Mit welchem Ziel werden so viele Besuche gemacht?
Macht das Sinn? Denken wir überhaupt noch darüber nach? Mich beschlich
das ungute Gefühl, dass hier mit viel Besuchsarbeit „ausgebügelt“ wird, was
an Gemeindeleben fehlt. Wie wenn die Besuche nur ein Mittel zum Zweck
für etwas anderes seien.
Aber gerade diese Frage öffnete mir dann den Blick für eine Glaubenswahrheit,
die heute etwas verlorene gegangen ist. Wir leben ja in unserer sehr mobilen
und individuellen Zeit. Viele denken sich den Glauben ja immer sehr individuell.
Ganz so wie Luther es formulierte: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“
So als ginge es im Glauben nur um mich allein.
Aber das stimmt nicht. Jesus berief die Jünger nicht zu einem Einzelunterricht.
Oder denken wir ans Abendmahl: Das wird in Gemeinschaft gefeiert. Ein Brot
wird unter allen geteilt. Ein stärkeres Symbol für die Gemeinschaft der Christen
gibt es kaum. Kurz: Jesus will nicht nur mich. Er will auch die anderen. Wer sich
das klar macht, merkt: Diese Besuche sind also kein „Mittel zu irgendeinem
anderen Zweck“. Diese Besuche sind die gelebte Gemeinschaft, in Jesu uns
einlädt. Diese Gemeinschaft beginnt schon hier und wird einst einmal „im Dorf“
vollendet.