Predigt "Ich war dabei"

Liebe Mitchristen, liebe Sportler, liebe Besucher, vielleicht beginne ich mit der Erklärung unseres Mottos. Auf unseren „Lautlinger Luther-Lauf“ - T-Shirts kann man ganz groß lesen: „Ich war dabei!“ - Gemeint ist: Bei diesem Luther Lauf. Gemeint ist aber auch: Bei diesem Lutherjahr. Darum geht es: Dass dieses Jahr nicht spurlos an uns vorüberrauscht, sondern dass wir eine kleine Erinnerung haben – und sagen können: „Ich war dabei!“
Dann war mein ausdrücklicher Wunsch: „Aber bitte nicht einfach irgendwelche billigen T-Shirts!“ - Nein: Diese T-Shirts sollen den Leuten noch lange Freude bereiten. Dass es sich gut anfühlt. Dass man sich freut, wenn man hineinschlüpft. Und wenn sich mit dieser Freude am „T-Shirt“ dann auch ein wenig Freude über die Reformation verbindet, dann ist das wunderbar.

An dieser Stelle kommt die erste Frage: Können wir uns heute noch über die Reformation freuen? Wenn man nachdenkt, muss man zugeben: Die kirchlichen Leute finden heute die Trennung zwischen katholisch und evangelisch eher lästig. Und den nicht-kirchlichen Leuten ist die Reformation von tiefster Seele her vollkommen „Wurscht“. Allenfalls die kirchen-kritischen Leute klatschen Luther heute noch kräftigen Beifall, weil er dem damaligen Papst eine ordentliche Klatsche verpasst hat.

Eines fällt uns freilich ein: Die Bibel. Wenn wir Menschen auf der Straße nach Martin Luther befragen, dann werden wir in der Mehrzahl der Antworten eines immer wieder hören: „Ach, das war doch der, der die Bibel übersetzt hat!“ – Das hat man sich gemerkt. Und das war auch eine Leistung, vor der man sich bis heute in Hochachtung verneigen darf. In rund 9 ½  Wochen das ganze Neue Testament übersetzt – und nebenher eine Vielzahl an neuen Wörtern und Begriffen geprägt oder gar erfunden. Luther war ein Sprachgenie. Das kann niemand in Abrede stellen.

Aber ist das ein Grund für Michel Maier sich heute noch über die Reformation zu freuen? Ich kam einmal mit einem Gaststätten-Familie ins nähere Gespräch. Diese Gaststätte war groß und geschickt geeignet, dass man da wunderbar Hochzeiten feiern konnte. Und was blieb am Ende der Hochzeit dann immer liegen – und wurde vergessen? Sie werden es wohl kaum erraten. Stapelweise hat diese Familie Hochzeitsbibeln zu Hause liegen, nicht wissend, ob die doch noch einmal abgeholt werden. Für mich ist das heute ein sprechendes Beispiel für den Stellenwert, den die Bibel für die Menschen heute hat.


Aber es gibt ja auch immer die anderen. Die, die sich wirklich freuen: Die Bibel in unserer Muttersprache. Das ist das erste wirkliche Geschenk, das Luther uns gemacht hat. Er hat ja nicht nur das Neue Testament übersetzt. Das ist auch der kleinere Teil. Nein: Auch das Alte Testament. Aber nicht mehr im Alleingang, sondern mit einer kleinen Wittenberger Expertenkommission, so würden wir heute sagen, hat er das Alte Testament übersetzt, so dass 1534 die erste Gesamtausgabe einer Deutschen Bibelübersetzung vorlag.
Das kann nun ein Grund zur Freude sein. Jedenfalls für die geübten Bibelleser. Und die gibt es. Christen, die regelmäßig die Bibel zur Hand nehmen – und sich daran freuen. Die Tag für Tag - Abschnitt für Abschnitt - die Bibel durchlesen. Und nicht nur einmal oder zwei Mal, sondern das Leben lang.

Nun, ich werde jetzt nicht fragen, wer heute hier zu dieser besonderen, bibel-sportlichen Spezies Mensch gehört. Vielen mag das übertrieben erscheinen. Einmal Lesen reicht doch. Dann weiß man, was drin steht. Und fertig. Aber genau da wird es jetzt interessant. Es geht nicht um Wissen. Es geht um den Weg, den wir mit der Bibel zurücklegen: Es geht um den eigenen Lebensweg.

Die Bibel ist dann das Zuhause für meine Seele. Sie ist wie eine Brille, die mir die Welt zeigt, wie Gott die Welt sieht. Dass ein wunderschöner Baum eben nicht nur ein wunderschöner Baum ist, - sondern von Gott wunderbar geschaffen.
Aber nicht nur die Welt. Auch mich selber erklärt die Bibel. Meinen Zorn z.B. Das ist ein Rest dessen, was in der Bibel die gefallene Welt nennt. Dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. – Und zugleich erklärt mir die Bibel, dass ich nicht so bleiben muss, wie ich bin. Dass Gott mich zu einer besonderen Ehre erhebt. Dass ich ein Kind Gottes sein darf. Das ist doch wunderbar.

Und nicht nur das. Die Bibel erklärt mir nicht nur die Welt – und mich selber, sie erklärt mir auch das größte Geheimnis dieses Kosmos: Sie erklärt mir Gott. Diese unendliche, grenzenlose, gewaltige, aber auch sehr eifersüchtige Liebe. Diese Macht, die alles geschaffen hat und noch erhält. Aus jeder Pore der Schöpfung dringt die Botschaft: Gott liebt diese Welt. Gott liebt die Menschen. Gott liebt mich.

Das ist das Erste, warum wir uns über die Reformation auch noch heute freuen können: Die Bibel in der Muttersprache. Sie lädt uns ein zu einem neuen Leben mit Gott. Zu einem Lebensweg, der mich zu Gott hinführt. In seine Nähe, dass ich mit dabei sein darf. Schon jetzt im Glauben. Dann einmal im Schauen.

Der zweite Grund, warum wir uns über die Reformation freuen können, ergibt sich aus dem
ersten. Er ist wichtig genug, dass man ihn besonders hervorhebt. Er lautet: „Die Reformation ist das Ende aller Angst vor Gott.“  -  Wir erinnern uns: Luther musste regelrechte Höllenqualen durchmachen, bis ihm durch die reformatorische Entdeckung der Blick für seine große Liebe geöffnet wurde.

Für Luther hieß das: Wir Menschen können uns das Himmelreich nicht verdienen und müssen es auch nicht verdienen. Denn Gott schenkt uns seine Liebe – aus lauter Liebe. Das war für Luther ein Labsal auf seine Seele. Denn bis dahin wollte er sich das Himmel-reich verdienen. Darum ist er ja ins Kloster gegangen. Dass er ganz sicher in den Himmel kommt. Darum auch sein schier grenzenloser Eifer, immer noch mehr zu machen als verlangt war.

Ein Satz aus der Bibel kam ihm da heilsam zu Hilfe: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Luther hatte diesen Satz schon viele Male gelesen, ohne dass das besondere Geheimnis dieses Satzes zu entdecken. Das Geheimnis des Glaubens. Dass es eben auf den Glauben und nicht auf die Werke ankommt!

Seine anfängliche Blindheit kann man verstehen. Denn wir Menschen denken immer: Alles hat seinen Preis. Für alles muss man etwas tun oder leisten oder geben. Wir denken so, weil die Welt so tickt. Viele Sprichwörter sprechen das aus: „Ohne Fleiß kein Preis“. Oder: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!“ Oder: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ Und immer dieser Druck: „Mach endlich!“ – „Pack es an!“ – „Tu es – und leg dich nicht auf die faule Haut!“

Ja, so erleben wir die Welt. Dass wir uns anstrengen müssen, um etwas zu erreichen. Ein Sportler weiß das nur zu gut. Gerade auch im Sport gilt: „Trainieren wir nicht regelmäßig, sind wir in der Regel mäßig!“

Und jetzt sagt Gott: „Halt: Alles ist Geschenk! Lass dir an meiner Gnade genügen!“ Das ist das volle Gegenprogramm zu dem Leisten- Müssen. Darum finde ich unseren Lautlinger Luther Lauf so wunderbar: Dass es nicht auf Leistung ankommt. Dass es hier keine Verlierer gibt, sondern nur Sieger. Jeder geht sein eigenes Tempo. Jeder sucht sich die Streckenlänge aus, die zu ihn passt. Und am Ende wird nicht gewertet. Hier erleben wir ein wenig das, was Evangelium bedeutet. Die reine, geschenkte Gnade.

Und wenn man mit diesem Gefühl der geschenkten Gnade und der Freude ins T-Shirt schlüpft – am heutigen Tage nachher. Oder dann immer wieder in den kommenden Monaten und Jahren. So lange eben das T-Shirt trägt. Und wenn man sich dann erinnert: „Ja, ich war dabei. Und es kam nicht auf Leistung an. Es war ein Lauf, bei dem mir bewusst war: „Gott liebt mich. So wie ich bin. Ich muss mich nicht erst noch ändern! Ich muss nicht erst noch trainieren, um die richtigen Startzeit zu haben. Ich darf dabei sein, so wie ich bin!“ – Ist das nicht wunderbar? – Dann war man nicht nur dabei. Dann ist man noch dabei – in der Liebe Gottes.

Nun, es gibt noch einen dritten Grund, warum wir uns über die Reformation freuen dürfen. Dieser ist freilich marktschreierisch überhöht und vielleicht auch verfremdet. Die Freiheit.
So oft, wie in diesem Jahr, habe ich das Wort „Freiheit“ noch nie aus Kirchenmunde gehört. Auch Luther hat dieses Wort an ganz prägnanter Stelle gesagt und geschrieben. In einem Doppelwort.  Leider wird bei der Hälfte dann aufgehört. Aber wir wollen heute keine halben Sachen machen. Darum hören wir uns dieses Wort bis zum Ende an: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden Untertan.“ So weit so gut. Das gefällt uns. Aber    jetzt geht es noch weiter. Da schreibt Luther dann tatsächlich: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“

„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“ Haben Sie diesen zweiten Satz in irgendeiner Hochglanz-Werbebroschüre der evangelischen Kirchen zu unserem Lutherjahr gelesen – oder aus Kirchenmunde gehört? – Schon merkwürdig. Oder?

Der erste Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden Untertan.“ wurde gehört – und wird bis heute gehört – mit Bravour. Die Bauern damals hatten dieses Wort mit Freuden gehört und sind losmarschiert, um in aller Freiheit die Schlösser, Burgen und Klöster zu brandschatzen. „Burgenbrennen“ nannte man diese neue Freizeitbeschäftigung. Was wiederum den Fürsten die Freiheit gab, mit eilig aufgestellten Söldnerheeren die Bauern abzuschlachten wie Schlachtvieh. Eine wunderbare Freiheit. Oder eben das, was wir Menschen daraus machen.

Und heute hören wir das Wort „Freiheit“ und verstehen darunter die „liebe Beliebigkeit“, die uns in „lange Belanglosigkeit“ hinein versenkt. Denn wenn Freiheit bedeutet, dass man alles tun und lassen kann, wie man will, gibt es keinen echten Wert mehr. Dann ist alles ist gleich viel wert. Hat die gleiche Gültigkeit wird gleichgültig.

Genau das erleben wir mit der Wahrheit: Alles ist gleich wahr. Alle Religionen sind gleich wahr uns sind gleich gültig. So werden sie uns auch gleichgültig. So erleben heute viele Menschen ihren Glauben: Er ist ihnen gleichgültig. Ein Schulterzucken. Und das war es.
Luther sprach von der Freiheit ganz bewusst in diesem Doppel-Wort. Freiheit braucht Ordnung – oder Orientierung – oder vielleicht besser: Freiheit muss gefüllt sein – mit einem Inhalt. Eine inhaltslose Freiheit ist das Schlimmste, was man sich denken kann. Eine inhaltslose Freiheit ist programmierte Entscheidungs-losigkeit – und Beliebigkeit – und Gleichgültigkeit.

Gott schenkt Freiheit mit Inhalt. Er führte das Volk Israel in die Freiheit und gab die zehn Gebote. Jesus kündigt das Reich Gottes an, in dem wir frei sein dürfen und frei sein werden -  und erfüllt sein werden von der Liebe Gottes, die uns führt und leitet – und zu neuen Menschen macht.

Denn wir Menschen sind leider so, wie wir eigentlich nicht sein sollten. Die Bibel sagte es ein wenig unschön: „Der Mensch ist verderbt und böse von Jugend auf.“ Das ist die alte Erfahrung: Wir Menschen brauchen einen Halt, ein Ziel, etwas, das uns erfüllt und auf das wir zuleben.

Aber wenn dieses Ziel nur unser eigener Bauchnabel ist – und die Frage, in welcher Freiheits-Variation ich heute meinen Bauchnabel streichele, dann sind wir genau das, was Luther einmal beschrieb als den Menschen, der in sich selbst verdreht ist. Der sich nur um sich selber dreht. Und dann wird die eigene Welt doch sehr klein. Sie hat dann genau den Radius des eigenen Bauchnabels. Diese Menschen bleiben sehr klein.

Zur Freiheit hat uns Gott berufen – zur Freiheit in Gottes neuer Welt. Dass wir auch frei werden von unseren eigenen Zwängen. Von dem, mit dem wir uns selber gängeln. Darum dieses zweite Wort Luthers: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“ Hier kommt das Ziel, der Inhalt, die Erfüllung der Freiheit in den Blick. Eben das, was in den schönen Hochglanzbroschüren der Evangelischen Kirche in Deutschland sehr nebulös bleibt. Aber das ist Absicht. Man will keine Entscheidung. Es könnte ja sein, dass sich jemand dagegen entscheiden. Dann lieber in nebulöser Freiheit verharren und am besten diese inhaltslose Freiheit mit Konfetti und Sekt feiern. Und wenn es im Bundestag ist.

Luther sagte und schrieb: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“ Da stimme ich zu. Aber ich würde das heute anders sagen. Das Wort „dienstbarer Knecht“ ist negativ. Man kann es auch positiv formulieren. Und das Wort „jedermann untertan“ klingt schräg, jedenfalls in deutschen Ohren. Leihen wir uns doch Worte aus der Bibel: Gott hat uns zur Freiheit berufen, „damit wir Gotteskinder heißen. Und wir sind es auch!“

Wir müssen nicht. Aber wir dürfen. Wir müssen nicht das Liebes-gebot Gottes erfüllen. Aber wir dürfen es. Wir müssen nicht ein heiliges Leben führen. Aber wir dürfen es. Das adelt uns.
Wir sind hineingestellt in Gottes großen Plan für diese Welt. Gott wird seine neue Welt aufrichten. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Ob wir es begrüßen, oder ob wir Bremsklötze für das Reich Gottes spielen. Das spielt für Gott keine Rolle: „Sein Reich kommt!“ Aber sind eingeladen, da schon mit zumachen.

Aber nicht als ein geforderter Beitrag, um sich Anrechte zu verdienen. Das ist doch zu vermessen, wenn wir Menschlein uns etwas bei Gott verdienen wollten oder könnten. Nein: Wir dürfen da mit-machen allein aus der Freude an dem, was kommen wird. Und auch: Allein aus der Freude über Gott und über seine große Liebe.

Ja, wir dürfen selber versuchen – schon jetzt ein wenig von Gottes kommender Welt in unserem Leben zu verwirklichen. Dass das nie klappt – oder nur bruchstückhaft, eben dann, wenn wir einmal eine gute Stunde haben – das ist doch klar. Aber wo uns das geschenkt wird, schon jetzt etwas von Gottes neuer Welt in unserem Leben zu realisieren, und wenn es nur ein kleines Muckesäckele ist: Dann adelt das uns. Und wir haben die Erlaubnis dazu. Von Gott. Denn Gottes Kinder heißen wir – und sind es auch.

Drei Gründe zur Freude über die Reformation habe ich genannt: Das Geschenk der Bibel in unserer Muttersprache. Das Ende der Angst vor Gott. Und die Freiheit, ein Kind Gottes zu sein. Wer mit dieser dreifachen Freude nachher in das T-Shirt unseres „Lautlinger Luther Laufs“ hineinschlüpft – trägt diese Freude gleichsam als ein neues Kleid. Und dann immer wieder. So lange dieses T-Shirt dann trägt. Nein: Hoffentlich noch viel länger. Eben bis an Ende unserer Lebenszeit hier - und ... ewig. Weil bei Gott. Wir sind dabei.- Amen.